Ein Vorurteil, das mir fast täglich begegnet


Was denkst du, wenn du einen Menschen im Rollstuhl siehst, unkontrollierte Bewegungen bemerkst oder jemanden mit einer Sprechbehinderung hörst?
Noch immer glauben viele Menschen fälschlicherweise, dass eine körperliche Behinderung automatisch auch eine geistige Behinderung bedeutet.


Genau dieses Vorurteil begegnet mir fast täglich  und genau deshalb habe ich diese Seite geschrieben.

Manche Menschen sehen jemanden, der nicht ihrer Norm entspricht, und bilden sich innerhalb weniger Sekunden eine Meinung. Sie nehmen an, die Person sei weniger intelligent, verstehe weniger oder könne keine eigenen Entscheidungen treffen.


Doch äußere Merkmale einer körperlichen Behinderung sagen nichts darüber aus, wie ein Mensch denkt, was er versteht oder welche Fähigkeiten er besitzt.


Wer ich bin


Ich sitze seit meiner Geburt im Rollstuhl und habe eine leichte Tetraspastik. Dadurch bewegen sich mein Kopf, meine Arme oder meine Beine manchmal unkontrolliert. Außerdem habe ich eine leichte Sprechbehinderung.

Viele Menschen sehen zuerst meinen Rollstuhl und meine Bewegungen oder hören meine Sprache – und glauben, mich bereits zu kennen.


Dabei kennen sie zunächst nur einen sichtbaren Teil von mir. Ich bin Arbeitgeber mit meinem eigenen Assistenzteam, arbeite nebenbei  in Teilzeit, bin sportbegeistert, reise gerne und betreibe diese Homepage, um über das Leben mit Behinderung aufzuklären.


Wie jeder andere Mensch habe auch ich Stärken, Schwächen, Wünsche, Träume und Herausforderungen. Meine Behinderung gehört zu meinem Leben, aber sie bestimmt nicht meine Persönlichkeit, meine Fähigkeiten oder meinen Wert als Mensch.

Ich führe mein Leben selbstbestimmt und treffe meine eigenen Entscheidungen.


Behinderung ist nicht gleich Behinderung


Behinderungen sind genauso unterschiedlich wie die Menschen, die mit ihnen leben. Es gibt beispielsweise körperliche und geistige Behinderungen, Seh- und Hörbehinderungen sowie psychische und chronische Erkrankungen. Auch innerhalb dieser Bereiche können die Auswirkungen von Mensch zu Mensch völlig unterschiedlich sein.


Deshalb darf man von einer sichtbaren Einschränkung niemals automatisch auf eine andere schließen.

Ein Rollstuhl sagt nichts über die Intelligenz aus. Unkontrollierte Bewegungen sagen nichts über das Denkvermögen aus. Eine Sprechbehinderung sagt nichts darüber aus, was ein Mensch versteht.


Und genauso wichtig ist mir: Es geht nicht darum, körperliche und geistige Behinderungen miteinander zu vergleichen oder eine Form der Behinderung über eine andere zu stellen. Jeder Mensch verdient Respekt und sollte als individuelle Persönlichkeit wahrgenommen werden.



Situationen, die ich immer wieder erlebe


1) Menschen sprechen nur mit meiner Assistenz, Familie oder meiner Partnerin statt mit mir
Ob im Restaurant, Hotel, Krankenhaus oder Geschäft – immer wieder kommt es vor, dass Menschen nicht mich, sondern meine Begleitperson ansehen und fragen:


„Was möchte er essen?“

„Kann er das?“

„Versteht er mich überhaupt?“


Dabei sitze ich direkt daneben und kann selbstverständlich selbst antworten. Manchmal bekommt zB meine Freundin die Speisekarte, obwohl ich selbst auswählen und bestellen möchte.

In solchen Momenten habe ich das Gefühl, dass zuerst meine Behinderung gesehen wird – und nicht der Mensch, der direkt vor ihnen sitzt.


2) Menschen sprechen mit mir wie mit einem Kind

Manche Menschen sprechen plötzlich besonders langsam mit mir oder erklären mir einfache Dinge auf eine Art, als würde ich sie nicht verstehen. Dabei habe ich sie längst verstanden. Meine Bewegungen und meine Art zu sprechen können anders sein. Mein Denken ist es deshalb nicht. Nach Gesprächen höre ich manchmal Aussagen wie:


„Du bist ja total intelligent.“

„Mit dir kann man sich richtig gut unterhalten.“

„Du bist ganz anders, als ich gedacht habe.“


Diese Aussagen sind meistens freundlich gemeint. Trotzdem zeigen sie mir, dass vorher offenbar eine andere Erwartung vorhanden war. Und genau darin liegt das Problem: Ich möchte nicht erst beweisen müssen, dass man mit mir auf Augenhöhe sprechen kann.


3) Berührungsängste

Bei neuen Begegnungen merke ich außerdem häufig Unsicherheit. Manche Menschen würden vielleicht gerne mit mir sprechen, trauen sich aber nicht oder wissen nicht, wie sie mit meiner Behinderung umgehen sollen. Dabei braucht es meistens gar kein besonderes Wissen. Ein offenes Gespräch, Respekt und ehrliches Interesse reichen oft schon aus.



Drei Vorurteile, die wir hinter uns lassen sollten


Vorurteil 1: Wer im Rollstuhl sitzt oder unkontrollierte Bewegungen hat, hat automatisch auch eine geistige Behinderung.


Falsch. Ein Rollstuhl ist ein Hilfsmittel zur Fortbewegung. Unkontrollierte Bewegungen können ganz unterschiedliche körperliche Ursachen haben. Beides lässt keinen automatischen Rückschluss auf die geistigen Fähigkeiten eines Menschen zu.


Vorurteil 2: Wer eine Sprechbehinderung hat, versteht weniger.


Falsch. Eine undeutliche Aussprache kann beeinflussen, wie jemand spricht – nicht automatisch, wie jemand denkt oder was jemand versteht. Gib einem Menschen die Zeit, die er zum Sprechen braucht, und höre ihm zu.


Vorurteil 3: Menschen mit Behinderung brauchen immer Hilfe.


Falsch. Viele Menschen mit Behinderung arbeiten, reisen, treiben Sport, führen Beziehungen, treffen eigene Entscheidungen und gestalten ihr Leben selbstbestimmt. Natürlich kann Unterstützung notwendig sein. Entscheidend ist aber, den Menschen nicht zu bevormunden. Ein einfaches „Kann ich Ihnen helfen?“ lässt ihm die Entscheidung selbst.

Was mich wirklich belastet


Der Rollstuhl gehört seit meiner Geburt zu meinem Leben. Auch meine unkontrollierten Bewegungen und meine Sprechbehinderung gehören zu mir. Was mich wesentlich stärker belastet, sind die Vorurteile, die damit verbunden werden.


Ich erlebe immer wieder Situationen, in denen ich zunächst beweisen muss, dass ich verstehe, selbst entscheiden kann und weiß, was ich möchte. Andere Menschen erhalten diesen Vertrauensvorschuss selbstverständlich.


Genau das wünsche ich mir auch. Ich möchte nicht aufgrund meiner Behinderung bemitleidet, unterschätzt oder auf ein Podest gestellt werden. Ich möchte als Mensch gesehen und respektiert werden.



Was ich mir wünsche


Ich wünsche mir weniger vorschnelle Urteile und mehr echte Begegnungen. Sprecht mit Menschen mit Behinderung direkt,  nicht über ihre Köpfe hinweg mit ihrer Begleitung.


Schaut ihnen in die Augen.

Hört ihnen zu.

Stellt respektvolle Fragen, wenn ihr etwas nicht versteht.


Und habt keine Angst davor, nicht alles über Behinderung zu wissen. Niemand muss Experte sein. Offenheit, Respekt und ehrliches Interesse sind ein viel besserer Anfang als irgendwelche Annahmen.


Mein Appell


Ein Rollstuhl sagt nichts über die Intelligenz eines Menschen aus. Unkontrollierte Bewegungen sagen nichts über sein Denkvermögen aus.

Eine Sprechbehinderung sagt nichts darüber aus, was ein Mensch versteht.

Eine körperliche Behinderung bedeutet nicht automatisch eine geistige Behinderung.


Aber vor allem:

Hinter jeder Behinderung steht ein Mensch.

Lerne ihn kennen, bevor du ihn beurteilst.



 Warum ich diese Seite geschrieben habe


Ich habe diese Seite geschrieben, weil ich selbst immer wieder erlebe, wie schnell Menschen aufgrund einer sichtbaren Behinderung beurteilt oder unterschätzt werden. Dabei möchte ich niemanden angreifen und keine Behinderungsform besser oder schlechter darstellen als eine andere.


Im Gegenteil. „Behinderung ist nicht gleich Behinderung“ bedeutet für mich: Jeder Mensch und jede Behinderung ist individuell.


Mein Ziel ist es, Vorurteile abzubauen und Menschen dafür zu sensibilisieren, nicht von äußeren Merkmalen auf Intelligenz, Denkvermögen, Persönlichkeit oder Fähigkeiten zu schließen. Wenn wir genauer hinsehen, miteinander sprechen und einander wirklich kennenlernen, können viele Vorurteile verschwinden.

Zum Schluss


Wenn diese Seite auch nur einen Menschen dazu bringt, bei seiner nächsten Begegnung mit einem Menschen mit Behinderung nicht vorschnell zu urteilen, sondern zuerst den Menschen kennenzulernen, dann hat sie ihren Zweck erfüllt. Echte Inklusion bedeutet für mich mehr als Barrierefreiheit. Eine Rampe kann eine bauliche Barriere beseitigen. Die Barrieren in unseren Köpfen können wir nur selbst abbauen!


Deshalb wünsche ich mir:

Sieh nicht zuerst den Rollstuhl.

Sieh nicht zuerst die unkontrollierten Bewegungen.

Hör nicht nur die Sprechbehinderung.

Sieh den Menschen.


Gib ihm die Chance, selbst zu zeigen, wer er ist.


Denn Behinderung ist nicht gleich Behinderung – und Mensch ist nicht gleich Mensch. Jeder ist einzigartig.